Topographie des Widerstandes in München *

Rupert Mayer - Weiße Rose - Kreisauer Kreis
Von Roman Bleistein S.J.

Der Begriff »Topographie des Terrors« stand zuerst über der Dokumentation »Gestapo, SS und Reichssicherheitshauptamt auf dem Prinz-Albrecht-Gelände« in Berlin, die im Rahmen der Vorbereitung für die historische Ausstellung zur 750-Jahr-Feier der Stadt Berlin im Jahr 1987 herausgegeben wurde.1 Das Buch hielt über die noch vorhandenen Trümmer der Terrorzentrale hinaus in Bildern und Berichten die Leidensgeschichte jener Orte fest, an denen seit 1934 die angemaßte Macht sich zum Terror entwickelte und von denen aus wie von einem Zentrum der Verheerung die Unterdrückung und die Menschenverachtung sich in Großdeutschland und über seine Grenzen hinaus in den von der deutschen Wehrmacht besetzten Ländern Europas ausbreitete. Dort lag das »Hausgefängnis«, das zu einer gefürchteten Adresse für die Deutschen im Widerstand wurde; dort wurde bürokratisch über das Schicksal der deutschen Juden, der Zigeuner, der sog. »Artfremden« in Polen, in der Sowjetunion und in anderen europäischen Ländern entschieden. Dort werden Schrecken und Entsetzen für immer wohnen; die Topographie des Terrors hält sie fest.

Die andere Topographie       

Gibt es auch eineTopographie des Widerstandes? Gibt es Orte, an denen sich die Rebellion gegen das Unrecht verdichtete, an denen der Widerspruch, die Verweigerung, die Resistenz zum öffentlichen Protest und zur spektakulären Tat reiften? Gibt es ein typisches Milieu und Ambiente des Widerstandes, das auch im Hinblick auf die Erinnerung der jungen Generation festgehalten werden sollte, als Teil einer sozioökonomisch und sozial konkretisierten Zeitgeschichte, die hinter den Bauwerken der Nachkriegszeit zu verblassen droht? Diese Überlegungen begründeten das Vorhaben, dem Widerstand in seiner vielfältigen Gestalt in München, in der »Hauptstadt der Bewegung«, nachzugehen.

Woran wäre bei einer Topographie des Widerstandes gegen den Nationalsozialismus in München zu denken? Welche Orte wären ins Auge zu nehmen und für immer festzuhalten? Diese beiden Fragen sollen chronologisch im Blick auf den kritischen und protestierenden Großstadtseelsorger P Rupert Mayer, auf die studentische Widerstandsgruppe »Weiße Rose« und auf den »Kreisauer Kreis« in München beantwortet werden.

1935-1939: P. Rupert Mayer S.J.                                                

Einer der ersten, der öffentlich dem nationalsozialistischen Staat in München widersprach, war P Rupert Mayer, der seit 1912 in München wirkende Seelsorger der Zugereisten, der 15. Nothelfer der Stadt in den Hungerjahren, die Stimme der Katholiken in dieser unruhigen Großstadt seit Mitte der zwanziger Jahre. Die Topographie seines Widerstandes lag von Anfang an im Schutz und im Schatten der katholischen Kirche. R Mayer lebte ab 1922 im Ordenshaus der Jesuiten bei St. Michael in München in der Maxburgstraße. Ordenshaus und Kirche genossen die besondere Beachtung der Politischen Polizei, zumal das Polizeipräsidium unmittelbar gegenüber, jenseits der Ettstraße, lag. Obgleich die Jesuiten im Oktober 1933 noch nicht wagten, in Predigten direkt gegen den »Mythos des 20. Jahrhunderts« Rosenbergs vorzugehen, begrüßten sie einhellig die Absicht von Kardinal Faulhaber, im Advent 1933 die Adventspredigten in St. Michael zu übernehmen. Die erste große Predigt »Christentum und Judentum« wurde von Faulhaber am 3. Dezember 1933 gehalten und zusätzlich zur Michaelskirche in den überfüllten Bürgersaal und die ebenso überfüllte Karmelitenkirche übertragen. Die Zuhörer standen in den drei Kirchen bis auf die Straße. Die bald gedruckt vorliegenden Predigten fanden reißenden Absatz. Vermutlich auch aus diesem Grund kam die Polizei am 12. Januar 1934 zum ersten Mal zu einer Haussuchung zu den Jesuiten.

In den folgenden Jahren reihten sich wirkliche oder vermeintliche Provokationen des nationalsozialistischen Staates und Eingriffe der Politischen Polizei unmittelbar aneinander. Etwa für die Jahre 1934 bis 1935 berichtet die Hauschronik von St. Michael2: Am 3. März 1934 wurde P. Alois Stökle zur Politischen Polizei bestellt, weil er sich abfällig gegen den neuen Staat geäußert habe; er wurde »vermahnt«. Bald darauf, am 22. Mai 1934 fand das Titularfest der Männerkongregation statt. Sechs- bis siebentausend Männer zogen am Abend mit P. Rupert Mayer in einer Lichterprozession vom Bürgersaal über den Stachus zum Dom. Kurz zuvor allerdings waren die Jesuiten in der nationalsozialistischen Zeitung »Durchbruch« als »Vergnügungsreisende« diskriminiert und am 18. Mai 1934 bei der Caritassammlung als »Schieber, Heuchler und Verräter« öffentlich beschimpft worden. Am 16. Juni 1935 fand wieder der jährliche Hauptkonvent der Männerkongregation statt. Fünf- bis sechstausend Männer nahmen dieses Mal an der Lichterprozession teil. Die Reaktion darauf: bei einem Propagandazug der SA durch München mit 40 Automobilen trug ein Wagen das Transparent: »Der Parasit ist Jesuit«. Endlich mußte sich P Mayer am 8. Mai 1936 bei der Politischen Polizei wegen seiner kritischen und angriffslustigen Predigten verantworten. Er wurde verwarnt. Diese erstmals verwerteten Notizen aus der Hauschronik von St. Michael 2 weisen jene durchwegs gespannte Situation zwischen St. Michael und dem nationalsozialistischen Staat auf, in die der Widerstand des R Mayer ohne Mühe eingeordnet werden kann.

Ort der Attacken R Mayers gegen den neuen Staat war zuerst die Kanzel von St. Michael in der Neuhauserstraße, waren die Kanzeln vieler anderer Kirchen Münchens und des Umlandes. Seit dem 23. April 1935 waren die Jesuiten aufgrund einer geheimen Anordnung einer besonderen Überwachung durch die Politische Polizei ausgesetzt. Im Mai 1936 wurde R Mayer erstmals wegen seiner staatskritischen Predigten vom Staatsanwalt verwarnt. Das Reichsjustizministerium in Berlin war damit zwar nicht ganz zufriedengestellt, fügte sich aber dem Urteil der Münchner Justiz. Fortan wurde von Gestapobeamten und von treuen Parteigenossen eifrig bei den Predigten Mayers mitgeschrieben. Der Gestapo München lagen für 1937 Mitschriften vor über Predigten Mayers in Dillingen (1.1.), in St. Michael, München (24.1.), in Aichach (24.1.), in St. Theresia, München (26.2.), in St. Joseph, München (2.3.), in Ursberg (29.3.), in Weissenhorn (11.4.), in Kirchheim (18.4.), in St. Michael, München (2.5. und 23.5.).

Diese Mitschriften bewiesen, daß der Widerspruch Mayers auf den Kanzeln gegen den »neuen Staat« und seine totalitäre Herrschaft bemerkt wurde und zunehmend Ärgernis erregte. Da R Mayer ein Mann des öffentlichen Lebens war, konnte man ihn nicht bei Nacht und Nebel verschwinden lassen. Man nannte das dann »Schutzhaft«, wenn die Gestapo wieder einmal zugriff. Zudem zog er - wie bereits angedeutet - alljährlich im Juni mit etwa sechstausend Mitgliedern der Männerkongregation in einer Lichterprozession von St. Michael über den Stachus zum Liebfrauendom. Ebenso schritt er alljährlich betend der großen Schar seiner Männer voraus, wenn die Fronleichnamsprozession sich - auch als Demonstrationszug gegen den Nationalsozialismus - durch die Straßen der Innenstadt bewegte. R Mayer war auf jenen Straßen zu sehen, die die SA für sich in Anspruch nahm.

Daß bei allen diesen Aktivitäten R Mayer im Kontakt mit Kardinal Faulhaber stand, beweist nicht bereits nur der besorgte Brief Mayers vom 9. September 1930 an den Kardinal, in dem er schrieb: »Die völkischen Hetzereien können wir uns nicht groß genug vorstellen. So herrscht in unserem katholischen Volk eine beispiellose Verwirrung. Unbegreiflich, aber wahr ist es, daß der Hitlerschwindel wieder die weitesten, auch katholischen Volkskreise erfaßt hat. Und nicht bloß in der Stadt, sondern besonders auf dem Lande hat die Bewegung gewaltig an Boden gewonnen«3. Auch später, während des Dritten Reiches, hatte R Mayer einen guten Draht zum Kardinal, so daß dieser über seine Aktivitäten offensichtlich immer informiert war. Als dann die Pressionen gegen R Mayer einsetzten, tat der Kardinal alles zu seinen Gunsten, was ihm möglich war, meist durch seinen politischen Referenten, Prälat Johannes Neuhäusler, oder durch den Generalvikar Ferdinand Buchwieser.

Daß das Wort R Mayers von den Kanzeln herab gefürchtet wurde - vor allem seine drei Themen: Schulkampf, Sittlichkeits- und Devisenprozesse, Nationalsozialistische Presse und darin die Rechtlosigkeit des Menschen -, beweist endlich das Predigtverbot, das Anfang April 1937 vom Reichssicherheitshauptamt (RSHA) in Berlin gegen ihn verhängt wurde und wenigeTage später bei der Gestapo in München eintraf. In Absprache mit Kardinal Faulhaber und mit Provinzial Augustin Rösch beugte sich P. Mayer dem Verbot nicht. Dem Staat darf man Eingriffe in die kirchliche Verkündigungsfreiheit nicht nachsehen. Also tat er das Gegenteil: Er predigte auch außerhalb Münchens vor vielen Menschen. Die Kirche erwies sich als Nische in einer totalitären Gesellschaft. Aber auch sie konnte für P. Mayer auf die Dauer keinen sicheren Schutz bieten. Wie von vielen befürchtet, wurde P. Mayer am 5. Juni 1937 von der Gestapo verhaftet und ins Witteisbacher Palais, die Gestapozentrale an der Briennerstraße 51, gebracht, in jenes von Fr. Gärtner im neugotischen Stil errichtete Gebäude, das hinter hohen Pappeln in einem Garten lag und seit 1935 als Hauptquartier der Münchner Politischen Polizei bzw. der Gestapo diente. Dies war eine berüchtigte Durchgangsstation auf dem Weg in den Justizpalast, ins Gefängnis Stadelheim, ins Konzentrationslager Dachau oder zum RSHA in der Prinz-Albrecht-Straße in Berlin.

Als die Verhaftung R Mayers während eines Gottesdienstes in St. Michael bekannt wurde, erhoben sich laute Protestrufe. Nach dem Gottesdienst zogen 400 Demonstranten zum Wittelsbacher Palais, um dort zu protestieren. Sie wurden von der Polizei vertrieben; einige von ihnen wurden verhaftet. Das war die erste Verhaftung Mayers. Übrigens wurde die Kanzel R Mayers in St. Michael am 4. Juli 1937 zu dem Ort, an dem Kardinal Faulhaber lauten Protest gegen die Beeinträchtigung der Verkündigungsfreiheit der Kirche erhob und die sofortige Freilassung des mutigen ehemaligen Feldgeistlichen Rupert Mayer forderte. Die Zustimmung der Katholiken war groß; doch der von vielen erwartete Aufstand der Soldaten für ihren »Heldenpater« blieb aus. Als R Mayer die Kompromißvorschläge des Chefs der Münchner Gestapo, Dr. Walther Stepp, nicht akzeptierte, wurde er ins Cornelius-Gefängnis gebracht und sodann im Gefängnis Stadelheim inhaftiert. Ihm wurde am 22. und 23. Juli im Justizpalast am Stachus vom Sondergericht München der Prozeß gemacht. Wegen Verletzung des sog. Kanzelparagraphen und des Heimtückegesetzes vom 20. Dezember 1934 wurde er zu sechs Monaten Haft verurteilt, aber auf Bewährung freigelassen. Und er gab kurze Zeit Ruhe. Provoziert durch eine Rede von Gauleiter Adolf Wagner in Fürstenfeldbruck, stand R Mayer am 26. Dezember 1937 wieder auf seiner Kanzel in St. Michael, dem Ort seines beredten Widerstandes. Er sprach über Stephanus und die Feindesliebe. Am 1. und 2. Januar wagte er, erneut zu predigen. Zu der von ihm geplanten Predigt am 6. Januar 1938 kam es nicht mehr; denn Mayer wurde am 5. Januar zum zweiten Mal verhaftet und auf Druck der Gestapo zur Vollstreckung seiner Strafe in das Gefängnis Landsberg eingeliefert: als Häftling Nr. 9469. Auch dort besuchte ihn Kardinal Faulhaber - wie übrigens bereits zuvor im Gefängnis Stadelheim.

Die Topographie des Terrors, die dann für R Mayers Leben galt, ging weit über München hinaus: von Januar bis Mai 1938 im Gefängnis Landsberg, nach der dritten Verhaftung Mayers am 3.11.1938 wegen seiner Verbindung zu Konspiration der Monarchistischen Bewegung wiederum Haft im Witteisbacher Palais, am 23.12.1938 Transport ins KZ Sachsenhausen-Oranienburg bei Berlin. Dann kam der Reichsführer SS Himmler auf die Idee, den Unruhestifter in München, den kritischen Prediger, zwar nicht dem Martyrium auszusetzen, ihn aber um den Preis der Freiheit mundtot zu machen. Mayer wurde am 7. August 1940 im Kloster Ettal »konfiniert«, d.h. in einem goldenen Käfig eingesperrt. Der Kommentar P. Mayers: »Lebend ein Toter.« In Ettal verblieb Mayer fast fünf Jahre, bis zum Ende des Dritten Reiches.

Das Netz der Gestapo zog sich also weit über Deutschland hin - und ihr Terror konnte unterschiedliche Formen des Schreckens annehmen. Für R Mayer war gerade dies der Schrecken, daß es ihm gut erging, obwohl er sich gerne in den Widerstand gestürzt, die Menschen getröstet oder auch aufgewiegelt hätte. Es ging ihm so gut, daß es ihm schlechter nicht hätte gehen können. Aber wichtig für die Gestapo war, daß sie sich - an aller Justiz vorbei - das Diktat über Leben und Tod vorbehielt. Daß eine totale Macht unberechenbar ist, macht einen wesentlichen Teil ihres Terrors aus. Offensichtlich fürchteten Adolf Hitler und Heinrich Himmler den Jesuitenpater Mayer nicht wenig, den beide bereits in den zwanziger Jahren als kritischen Zeitgenossen kennengelernt hatten.

1942-1943: Die weiße Rose       

In einem ganz anderem Milieu arbeitete die konspirative Gruppe »Weiße Rose«. Wie es bei Studenten üblich ist, spielte sich ihr Leben zwischen ihren Studentenzimmern und den Vorlesungen in der Universität ab. So war es auch bei den Mitgliedern der »Weißen Rose«: bei Hans und Sophie Scholl, bei Willi Graf, bei Alexander Schmorell und den anderen. Die Studierenden wohnten fast alle im Umfeld der Universität, in Schwabing: Hans und Sophie Scholl in einem Hinterhaus in der Franz-Joseph-Straße 13, Willi Graf in der Mandlstraße 1, Alexander Schmorell hatte seine Studentenbude im Elternhaus in Harlaching, in der Benediktenwandstraße 12. Zeitweilig wohnte zuvor auch Hans Scholl bei ihm. Eine Adresse für den Freundeskreis war auch die Siegfriedstraße 18/II. Dort hatten die Mitglieder des Jugendbundes Neudeutschland, Hermann Krings und Fritz Leist ihre Zimmer. Diese Studentenzimmer waren die entscheidenden Orte, an denen in nächtelangen Gesprächen die Pläne zum Widerstand geschmiedet wurden, an denen der Aufstand seine konkrete Gestalt gewann und die Flugblätter entworfen wurden. Allmählich entwickelten sich andere Treffpunkte zu Orten der Diskussion und der gemeinsamen Arbeit an der Herstellung der Flugblätter. Das Atelier des Architekten Manfred Eickemeyer, in einem Garten der Leopoldstraße 38 gelegen, wurde zum Ort der Lese- und Diskussionsabende. In seinem Keller wurden dann auch die Flugblätter gedruckt, bis zu 3000 Stück. Bei drohender Gefahr wurden die verräterischen Materialien unter Papieren in der Buchhandlung von Joseph Söhngen in der Leopoldstraße versteckt. Diese Buchhandlung war sozusagen ein sicheres Ausweichquartier. Nicht zu vergessen sind auch die Hauskonzerte und literarisch-gesellschaftlichen Zusammenkünfte im Haus von Prof. Dr. Viktor E. Mertens in der Schönfeldstraße. Bei solchen Treffen wurde wieder eine große Übereinstimmung von Gleichgesinnten erfahren - und darin die Einsamkeit der Protestierenden überwunden.

Ort der Begegnung und der Orientierung für die studentischen Widerständler war die Wohnung von Carl Muth in Solln. Muth war Herausgeber der Zeitschrift »Hochland«. Zeitweilig traf Hans Scholl ihn täglich, als er Muths Bibliothek katalogisierte. So führte Muth vor allem die Geschwister Scholl in das Freiheitsethos des Christentums ein. Die Tagebücher der beiden beweisen, wie sie allmählich für diese große Wahrheit wach wurden, wie sie anfingen, wieder zu beten. Die Flugblätter atmen einen solchen Geist. Es stimmt eben nicht - wie Ilse Aichinger schrieb - daß Sophie Scholl statt Augustinus auch Karl Marx hätte lesen können.

Ein weiterer Ort war die Wohnung von Prof. Dr. Kurt Huber in Gräfelfing. Ganz dem Stil der »Weißen Rose« entsprach es, daß Prof. Huber im Sommer 1942 während eines privaten Diskussionsabends bei Frau Mertens das erste Mal mit den Geschwistern Scholl und ihren Freunden zusammentraf. Endlich spielt als dritter Mentor der »Weißen Rose« Theodor Haecker eine Rolle. Haecker las am 4. Februar 1943 im Eickemeyerschen Atelier aus seinem Buch »Schöpfer und Schöpfung« - in Gegenwart von 25 Freunden, unter ihnen die Geschwister Scholl und Willi Graf. Dabei wurde vor allem - unter diesen Gleichgesinnten - allgemeine Kritik am nationalsozialistischen System geäußert, die dann zur Wut gesteigert wurde - vor allem durch die unverschämte Attacke des Gauleiters auf die Studentinnen.4.

Weiterhin werden - neben den Gaststätten wie das »Seehaus« oder die »Bodega« - die Konzertsäle in München beliebte Treffpunkte, z.B. das Odeon und der »Bayerische Hof«. Dort hörte man miteinander die großen Werke der klassischen Musik - etwa Händeis Messias -, aus der sie ebenso Kraft bezogen wie aus ihren stundenlangen Debatten über Literatur. Aus dieser entnahmen sie dann für ihre Flugblätter die Maximen ihres revolutionären Aufbegehrens: aus Laotse, aus Aristoteles, aus Schiller, aus Goethe, aus Novalis.

Sophie Scholl sagte einmal: »Die Nacht ist des Freien Freund«, das Dunkel, in dem man den Häschern der Gestapo zu entkommen hofft, die gesichtslose Nacht. Was Wunder, daß gerade in einer Nacht des Januars 1943 an den hohen Gebäuden der Ludwigstraße und an der Universität mit Teerfarbe die Aufrufe geschrieben waren: »Nieder mit Hitler! Freiheit!« Diese Worte wollten nicht nur Ausdruck des Widerstands sein. Sie sollten mehr noch jene Studenten zum Widerstand aufrufen, die noch Wochen zuvor den Gauleiter bei einer unverschämten Rede in der Universität niedergeschrieen hatten. Das Werk der Nacht weckte am Morgen Bestürzung, Verwunderung, geheime Zustimmung und Angst. Putzfrauen versuchten die Botschaft zu beseitigen. Doch es blieben die Reste des Protestes an den Wänden sichtbar. Der Bericht von Willi Graf über diese Aktionen liest sich so: »Scholl war mit einem Farbkübel und Pinsel ausgestattet, welche Gegenstände er in Papier eingewickelt, in der Hand hatte. Wir gingen von der Wohnung Scholl aus durch die Franz-Joseph-Straße - Leopoldstraße zur Universität, wo Scholl sofort begann, am Eingang (Ludwigstraße) die bekannten Aufschriften anzuschmieren. Meines Wissens hat er vier oder fünf Mal mit sehr großen Buchstaben das Wort »Freiheit« angeschrieben...« Oder ein anderer Bericht: »Vom Hauptbahnhof aus begaben wir uns über den Stachus, über Lenbachplatz, Ritter v. Epp-Platz zur Buchhandlung Hugendubel, wo Scholl und Schmorell verschiedene Aufschriften anschmierten, während ich (W.G.) auf der Straße auf und ab ging. Verabredet war es nicht, doch wenn jemand des Weges gekommen wäre, hätte ich Scholl und Schmorell zuvor verwarnt, bevor man sie beim Anschmieren überrascht hätte...« 5

Ort des Widerstandes waren ferner die Postämter und die Briefkästen. Willi Graf: »Eine Anzahl dieser Flugblätter wurden am 15. Februar 1943 versandfertig gemacht und in verschiedenen Postämtern Münchens eingesteckt«6. Auch darüber gibt es einen ausführlichen Bericht. Auch bei strategisch geplanten Exkursionen durch die Stadt, wurden die Briefkästen mit den Flugblättern versorgt. Willi Graf: »...gebe ich zu, das Stadtgebiet vom Sendlingertorplatz aus in südlicher bzw. südöstlicher Richtung in jener Nacht bestreut zu haben. Ich erinnere mich auch, verschiedentlich Flugblätter in größerer Zahl auf sogenannte Splitterschutzsockel und Briefkästen gelegt zu haben. Während der ganzen Dauer meiner Streutätigkeit fühlte ich mich unbeobachtet... An der Franz-Joseph/Ludwigstraße bestieg ich eine Straßenbahn der Linie 3 oder 23, fuhr bis zum Odeonsplatz, ging über den Marienplatz zum Sendlingertorplatz. Die ersten Flugblätter habe ich in der Müllerstraße Richtung Isar abgelegt bzw. ausgestreut. Ungefähr um 1 Uhr hatte ich alle mitgeführten Flugblätter ausgestreut und begab mich anschließend zu Fuß zur Wohnung Scholl.« 7

Endlich war der letzte Ort in der Topographie des Widerstandes der Lichthof der Universität. Das Flugblatt Nr. 5 mit dem Aufruf an die »Kommilitonen! Kommilitoninnen!« - es war verfaßt von Prof. Kurt Huber - segelte vom obersten Stockwerk in vielen Exemplaren zu Boden. Der Höhepunkt des Protestes wird zugleich zu seiner Wende. DieTopographie des Widerstandes wurde fortan von der Topographie des Terrors in München überlagert.

Orte des Terrors in München waren:                                          

Das Witteisbacher Palais in der Briennerstraße 51, die Zentrale der Gestapo. Dort fanden die Verhöre statt, dort lernten die verhafteten Studenten und Studentinnen auf das unüberschaubare Geschick zu warten.
Der Justizpalast am Stachus. In ihm fanden die Verhandlungen des Volksgerichtshofes statt. Zu diesen reiste der Präsident des Volksgerichtshofes des Deutschen Reiches, Dr. Roland Freisler, eigens aus Berlin an. Eine Schaujustiz, ohne Recht und Würde. Dort wurden die Schandurteile gefällt.
Nach Zwischenaufenthalten im Gefängnis Neudeck oder im Gefängnis an der Corneliusstraße trafen die Verurteilten im Gefängnis Stadelheim, im Osten Münchens gelegen, ein. Es war für viele die letzte Station. In diesem Gefängnis fanden die Hinrichtungen statt -oft nach Monaten langen Wartens. Der Friedhof am Perlacher Forst lag jenseits der Gefängnismauer, in nächster Nähe.

Wenn man die Topographie des Widerstandes der »Weißen Rose« auf einen kurzen Nenner bringen will: Es ist die bescheidene Welt der Studenten, ohne Pathos, anspruchlos, in der Nähe der Kunst und der großen Werke des menschlichen Geistes. Allerdings war dies eine Welt in den Winkeln und Nischen einer totalitären Gesellschaft, in der es nur eine überwachte Öffentlichkeit geben durfte.

Aus ihren Studierstuben und Vorlesungssälen trugen sie den Widerstand in die Öffentlichkeit, in die Briefkästen der schlafenden Bürger, an die Wände der Häuser, mit Flugblättern in den Lichthof der Universität. Aber: Der Widerstand flammte zuerst in ihrer Welt auf. Er überschritt jedoch diese kleine Welt in den Briefsendungen der Flugblätter in andere Universitätsstädte und in geheimen Kontakten zu anderen Widerstandsgruppen in Deutschland, etwa zur »Roten Kapelle« und auch zum »Kreisauer Kreis«. Michael Brink, genannt Piefke, hatte einen Termin für Prof. Huber und P. Delp verabredet. Der Münchener Widerstand sollte zu einer Initialzündung werden.7a Aber bevor die Lunte zündete, hatte die Gestapo sie entdeckt und mit harten Zugriff ausgelöscht, im wahren Sinn des Wortes: ausgetreten. In die Topographie dieses Widerstandes fiel wieder das Dunkel, während die Unruhe weiterschwelte.

1942-1944: Der Kreisauer Kreis       

Durch P. Provinzial Augustin Rösch kam im Oktober 1941 in Berlin der Kontakt der Münchner Jesuiten mit dem Kreisauer Kreis, der Widerstandsgruppe um den Grafen Helmuth James von Moltke, zustande. Aufgrund dieser Verbindung entwickelte sich München - neben Berlin und Kreisau - zum dritten Treffpunkt der Kreisauer. Damit steht in der Stadt München neben der »Weißen Rose« ebenbürtig der Widerstand des Kreisauer Kreises, der auch seine Opfer aufzuweisen hat: acht Männer von den zwanzig engsten Mitgliedern wurden hingerichtet. Die Topographie dieses Widerstandes ist wiederum eng an die katholische Kirche gebunden. Es geht dabei um drei Orte: das Provinzialat der Jesuiten in der Kaulbachstraße, das Pfarrhaus von St. Georg in Bogenhausen, die Pestkapelle von St. Michael in der Neuhauserstraße.
  1. Das Provinzialat lag in der Kaulbachstraße 31a, am Ende einer seitlichen Sackgasse. Diese Lage brachte Vorteile: die vielen und schwer überwachbaren Ausgänge. Vor allem gab es aus dem Garten des Jesuitenhauses einen kleinen Durchgang hinüber nach St. Ludwig und von da unmittelbar in die belebte Ludwigstraße. Das kleine Tor war durch Büsche verdeckt und bot einen idealen Fluchtweg. Im Provinzialat traf sich Helmuth James von Moltke mit den Patres Augustin Rösch, Alfred Delp, Lothar König vor allem bei den wichtigen Gesprächen im August 1942. Bei diesen Gesprächen ging es um konkrete Erwartungen an die Kirche in der Zeit des Terrors und der Unterdrückung. Sie erarbeiteten einige Texte, die von besonderer Bedeutung sind, da sie während der Nazizeit der heiklen Frage eines politischen Widerstandes der Kirche nachgingen. Diese Texte bestreiten zwar einen unmittelbaren Auftrag der Kirche zur Politik. Sie habe die Sendung, Gott zu rühmen und sich für eine menschenwürdige Ordnung einzusetzen. Maßstäbe für diese menschenwürdige Ordnung enthalte das Naturrecht, »lus nativum« sagte das Papier, um eine Einigungsformel zwischen Katholiken und Protestanten zu finden. Sollte die Kirche durch diesen Einsatz in politische Pression geraten, so habe sie diese zu akzeptieren. Sodann wäre ihre Aufgabe, alle jene Gruppen, die sich in diesem Widerstand engagierten, zusammenzuführen und vor allem ihre verantwortlichen Laien für dieses Engagement zu gewinnen.

    In der Vorlage »Was kann von den Kirchen erwartet werden?« findet sich der folgende Text:

    »Als Ergebnis muß wohl festgestellt werden, daß die zu leistende Aufgabe eine dreifache ist:
    1. die Wiederentdeckung des Bewußtseins vom ius nativum und kompromißlose und harte Verkündigung gerade der gefährdeten Ordnungen dieses Rechts.
    2. die Ausarbeitung einer konkreten Ordnung der Lebensgebiete nach den Grund sätzen des ius nativum.
    3. die Erhebung dieser Planungsordnung zur gültigen politischen Ordnung des Volkes.
    Die Mitarbeit der Kirche an dieser dreifachen Aufgabe ist wohl wie folgt festzulegen:
    1. Die Verkündigung des ius nativum ist eine Pflicht der Kirche. Damit arbeitet die Kirche dispositiv zur Herausbildung der neuen Ordnung vor.
    2. Die Kirche muß die ihrem direkten Befehl unterstellten Menschen anhalten, aus ihrem grundsätzlichen Wissen und einer zu erwerbenden Erkenntnis der konkreten Verhältnisse heraus an der Planung der echten Ordnung zu arbeiten. Der Beitrag der Kirche zu dieser Phase des Aufbaues besteht in der Bereitstellung von mitarbeitsfähigen und mitarbeitswilligen kirchlichen Menschen. Die Kirche selbst muß sich auf die oben dargelegte Prüfung und Mahnung beschränken.
    3. Die Dritte Phase ist Aufgabe der aus echter Einsicht heraus handelnden politischen Menschen. Der Beitrag der Kirche besteht in der Übernahme der in der grundsätz lichen Erörterung über das Verhältnis Kirche-Staat herausgestellten Funktion der Kirche.«8
    Diese Texte waren für Gespräche mit sozialdemokratischen Arbeiterführern im Kreisauer Kreis bestimmt; denn nach den Grundsatzerklärungen der Kreisauer sollte ein anderes Deutschland auf zwei Säulen aufruhen: auf der Arbeiterschaft und auf den Kirchen. Jedesmal wenn diese Gespräche geführt wurden, übernachtete Moltke in einem Münchener Hotel, das als »sicher« galt. Seine Briefe an seine Frau Freya berichten über diese Begegnungen.
    Etwa über den August 1943:

    München, (Sonntag) den 1. August 1943

    »Mein Münchener Besuch ist zu Ende...
    In München gingen die Besprechungen gleich nach meiner Ankunft, etwa um 10 Uhr los und eigentlich haben sie mit Ausnahme der Essenspausen bis jetzt angehalten. Außerdem habe ich Sonntag, also heute, an der Messe teilgenommen. Sonst haben wir eigentlich pausenlos gearbeitet. Samstag von 10 bis 1 Rösch allein, 1 -4.30 König allein; 4.30-9 Uhr abends Rösch & König. Heute früh 7.30-8.30 Rösch allein, dann Messe 8.30-10.30, 10.30-22.00 Rösch, König und ab 18 Uhr Delp. Du siehst ein reicheres Programm als üblich. Das war wegen des großen Programms erforderlich...

    Das Ergebnis war recht befriedigend und ich habe den Eindruck, daß wir mit ihnen voll rechnen können. So haben wir hier glaube ich, alles erreicht, was nötig war. Außerdem haben sie uns für die nächsten 14 Tage einen ständigen Boten nach Berlin gelegt...
    ...Hier ist es auch riesig heiß und zwischen den Häusern steht so ein flimmernder Glast. Aber in den Räumen, die Du ja kennst, war es kühl. Bei Delp waren wir nicht draußen. Gegessen habe ich, wie immer, fürstlich und mit einer Schachtel Zigarren und Broten versehen, fahre ich jetzt zurück. Die 2 Tage waren anstrengend aber befriedigend. - Ich bin jetzt gespannt, ob die in Berlin Fortschritte erzielt haben und' werde es ja morgen hören.«9

  2. Vom Pfarrhaus von St. Georg, das mächtig unterhalb der Barockkirche und des Friedhofs in München-Bogenhausen liegt, boten sich auch Fluchtwege in den Herzogpark an.

    Im Pfarrhaus fanden in den Jahren 1942 bis 1943 die Gespräche zwischen dem Kreisauer Kreis und dem eher konservativ ausgerichteten »Sperr-Kreis« statt. »Sperr-Kreis« deshalb, weil diese Widerstandsgruppe sich um den ehemaligen bayerischen Gesandten in Berlin, Franz Sperr, gesammelt hatte. Dieser Treffpunkt wurde ausgewählt, weil P. Alfred Delp, seit Frühjahr 1942 im Kreisauer Kreis engagiert, ab Mai 1941 Kirchenrektor von St. Georg war.

    Delp war in St. Georg ein ähnlich kritischer Prediger wie R Mayer. Seine Predigten wurden zu einem Geheimtip unter regime-kritischen Katholiken. Als im Herbst 1941 der Film »Ich klage an« in die Kinos kam und für die »Euthanasie« an »lebensunwertem Leben« Propaganda machte, predigte Delp an Allerheiligen 1941 über den Wert des Lebens und über den wahrhaft glücklichen Menschen. Er kritisierte die Gemeinschaft, die den Menschen dem Tod auslieferte und sagte wörtlich:

    »Die Gemeinschaft hat sich selber gründlich mißverstanden, die dann den Menschen abschiebt und abschieben darf und will und möchte, wenn er nicht mehr als gleich schönes oder gleich nützliches Glied herumläuft. Selbst wenn sämtliche Organe des Menschen eingeschlummert sind und er nicht mehr als Mensch sich äußern kann, er bleibt doch Mensch und er bleibt der dauernde Appell an den inneren Adel, an die innere Liebesfähigkeit und an die Opferkraft derer, die um ihn herum leben. Nehmt den Menschen die Fähigkeit, ihre Kranken pflegen und heilen zu können, ihr macht aus den Menschen ein Raubtier, ein egoistisches Raubtier, das wirklich nur noch sein schönes Dasein kennt.«10
    Die Gespräche gingen über die Gliederung eines neugeordneten Deutschland, über seine Landesverweser, also über die Männer, die den einzelnen Landesteilen in einem befreiten Deutschland vorstehen sollten. Auch das Problem um ein Attentat auf Adolf Hitler wurde besprochen. Dieses Vorhaben erörterte Franz Sperr mit Claus Graf Schenk von Stauffenberg am 6. Juni 1944 in Bamberg. Offensichtlich schreckte Sperr vor den letzten Konsequenzen eines solchen politisch aktiven Widerstandes zurück. Andere Mitglieder des Sperrkreises waren u.a. Rechtsanwalt Franz Reisert, Augsburg und Fürst Joseph von Fugger von Glött, Kirchheim.
  3. Der dritte Treffpunkt war die große Münchener St. Michaelskirche mit dem Ordenshaus der Jesuiten. Dieser Ort mißfiel der Gestapo gewiß, denn auch diese Kirche war ihrer vielen Ausgänge wegen schwer zu überwachen. Der Ort der Gespräche der Kreisauer war die sog. Pestkapelle, ein Raum, der hoch über der Kreuzkapelle, rechts über dem Kirchenschiff liegt und weder einzusehen noch abzuhören war. Man mußte ihn auf vielen Stufen erreichen. Auch bei diesen Gesprächen ging es um die »Neuordnung im Widerstand«, also um die Grundgestalt eines befreiten Deutschlands. Die Jesuiten, vor allem Alfred Delp, brachten die Impulse der Päpstlichen Sozialenzyklika »Quadragesimo anno« (1931) in die Gespräche ein - mit den Forderungen nach der sozialen Gerechtigkeit, nach der Sozialpflichtigkeit des Eigentums, nach einem Familienlohn, nach Mitbestimmung der Arbeiterschaft. Noch während des Krieges wurden die Entwürfe der Kreisauer immer wieder in St. Michael versteckt. Auch auf diese Weise überstanden die Texte die nationalsozialistische Herrschaft, Dokumente die jetzt im »Dossier: Kreisauer Kreis« gedruckt vorliegen. Diese Texte wurden vermutlich von den Patres König und Rösch 1946 in einem Tresor im Berchmannskolleg in Pullach aufbewahrt und erst 1971, als das Kolleg nach Verkauf geräumt wurde, wieder aufgefunden.
Die Konspiration der Kreisauer geriet nach dem Attentat auf Hitler am 20. Juli 1944 ins Stocken. Doch bereits bei den Verhören im RSHA kam nach und nach der (von der Gestapo so bezeichnete) »Kreisauer Kreis« ans Tageslicht. In einem Bericht aus dem RSHA vom 15. September 1944 ist über München zu lesen:
»2. Bayerische Gruppe. Im Frühjahr 1943 wurde der Rechtsanwalt Franz Reisert,
Augsburg (vor der Machtübernahme Bayerische Volkspartei, ab 1.1.1938 NSDAP),
durch den Jesuitenpater DELP mit Graf MOLTKE zusammengebracht.
Auf die Frage MOLTKES, ob er weitere geeignete Personen nennen könne, hat
Reisert den Fürsten FUGGER VON GLÖTT und den Gesandten a.D. Franz SPERR
angegeben.

1. Besprechung: FUGGER nahm erstmalig an einer Besprechung des MOLTKE-Kreises im Frühjahr 1943 teil. Er wurde durch Dr. REISERT in die Wohnung des Paters DELP in München-Bogenhausen gebeten. Außer MOLTKE, REISERT und DELP waren Oberstleutnant STELTZER (siehe [BI.6] Bericht vom 12.9.), Dr. MIERENDORFF unter seinem Decknamen Dr. FRIEDRICH und Pater RÖSCH (flüchtig) anwesend. Auf der Besprechung hat Oberstleutnant STELTZER das Wort geführt (Aussage FUGGER).

2. Besprechung: Sie fand im Mai/Juni 1943 wiederum bei DELP statt. Teilnehmer waren MOLTKE, Pater KÖNIG (flüchtig) und Pater RÖSCH (flüchtig) sowie SPERR und FUGGER.

3. Besprechung: Sie wurde erneut in der Wohnung von DELP im Juli/August 1943 abgehalten. Es nahmen auch Dr. REISERT und Dr. MIERENDORFF teil. Dabei ist es zwischen MIERENDORFF (alias Dr. FRIEDRICH) und REISERT zu längeren Erörterungen über das Verhältnis von Staat und Kirche gekommen.

4. Besprechung: Sie wurde im August/September 1943 unter Teilnahme von MOLTKE, RÖSCH, KÖNIG, SPERR und REISERT in der Pfarrei der Michaeliskirche (sic!) in München abgehalten. Der Ort wurde von Pater RÖSCH bestimmt. Es handelt sich um die Besprechung, bei der die Deutschlandkarte mit den neuen Landesgrenzen erörtert wurde.

Verbindung zu STAUFFENBERG
Die Verbindung von der bayerischen Gruppe zu STAUFFENBERG ist offensichtlich von DELP aktiviert worden. Bevor DELP die unmittelbare Beziehung aufnahm, hat er sich bei verschiedenen Personen über die Tätigkeit und die Qualität von STAUFFENBERG erkundigt.

Beziehungen zu den KIRCHEN
Nach dem bisherigen Ermittlungsstand muß sich die erste Beziehung zur katholischen Kirche [Bi.11] über den flüchtigen Pater KÖNIG zu dem Fürsterzbischof von Salzburg, Dr. ROHRACHER ergeben haben.

Mit Graf PREYSING, Berlin, hat Graf YORCK gesprochen (Aussage HAUBACH). Eine Begegnung mit MIERENDORFF soll PREYSING als .»unzuständig« abgelehnt haben (Aussage MOLTKE).

Graf PREYSING veranlaßte jedoch die Einführung von MIERENDORFF bei dem Bischof von Fulda, Dr. DIETZ, mit dem MIERENDORFF ein kurze Aussprache gehabt hat. (Aussage MOLTKE).

Zu Kardinal FAULHABER hat Graf MOLTKE selbst Verbindung gehabt. Die Verbindung zum evangelischen Landesbischof Dr. WURM, Stuttgart, hat Dr. GERSTENMAIER gehabt (Aussage HAUBACH).«11
Übrigens: In den mir bekannten Eintragungen in Faulhabers Tagebuch ist immer von P. König - oder chiffriert von »rex« oder »basileus« - die Rede. Der Kardinal wurde regelmäßig über den Fortgang der Planungen informiert. Es ist also in diesem Geflecht des Widerstandes auch das Erzbischöfliche Palais in München ein Ort der Topographie. Faulhaber hat den Widerstand im Geheimen mitgetragen, was vielen vermutlich eine Neuigkeit ist - trotz der seit Jahren vorliegenden Kaltenbrunner-Berichte. Nachdem die Gestapo so im Detail informiert war, wurde Delp bereits am 28. Juli 1944 in St. Georg verhaftet, aufgrund eines Hinweises bei der Verhandlung gegen Peter Graf Yorck von Wartenburg. Delp wurde in der Nacht vom 6. auf 7. August nach Berlin überführt. Er wurde wegen Hoch- und Landesverrat vom Volksgerichtshof unter dem Präsidenten Dr. Roland Freisler am 11. Januar 1945 zum Tod verurteilt - wie auch Helmuth James von Moltke und Franz Sperr. Delp wurde am 2. Februar 1945 in Berlin-Plötzensee gehängt.

P. Lothar König, der im Kreisauer Kreis vor allem Kurier- und Beratungsdienste übernommen hatte, überstand in einem Versteck bei München das Dritte Reich. Er erlag am 5. Mai 1946 dem Kehlkopfkrebs, der im Versteck nicht angemessen ärztlich behandelt werden konnte.

Augustin Rösch wurde am 11. Januar 1945 beim Bauern Josef Meier in Hofgiebing bei Haag von der Gestapo in seinem Versteck aufgespürt und mit Josef Meier, seinen beiden Söhnen und seiner Tochter verhaftet. Josef Meier erlag am 22. Februar im KZ Dachau dem Typhus. Rösch wurde nach Berlin gebracht. Es war offensichtlich noch ein Prozeß gegen die Kirchen geplant, da nach dem 20. Juli durch die Verhöre sowohl das Engagement der Jesuiten im Widerstand wie das Mitwissen der Bischöfe Faulhaber/München, von Preysing/Berlin, Gröber/Freiburg und Dietz/Fulda der Gestapo bekannt wurde. Dieser Prozeß kam wegen der rapiden Entwicklung des Krieges nicht mehr zustande. Rösch wurde am 25. April 1945 aus dem Gefängnis Berlin-Moabit (Lehrterstraße 3) entlassen und kehrte am 8. Juni 1945 nach München in die Kaulbachstraße zurück. Daß wegen der drei Jesuiten im Widerstand elf andere im Gefängnis saßen und der Bauer Josef Meier aus Hofgiebing im KZ Dachau sein Leben lassen mußte, sei in der Gesamtrechnung nicht unterschlagen!

Die Topographie dieses Widerstandes nimmt die Gestalt eines Netzes an, das sich über ganz Deutschland hin und über Deutschland hinaus, etwa nach Österreich, erstreckte. Die Fäden dieser Konspiration hielt Augustin Rösch in der Hand; seine entscheidenden Mitarbeiter waren P. Delp und P. König. Der Widerstand breitete sich gleichsam unterirdisch in Deutschland aus. Das Fahndungsplakat der Gestapo für Rösch und König, die Haft für Rösch und seine Freunde, der Tod von Alfred Delp lassen den Preis der Freiheit ahnen.

Vergleiche                          

Wenn man am Ende die Topographie des Widerstandes - und es ließen sich ähnliche Szenerien für den Widerstand der Arbeiterschaft, der monarchistischen Bewegung und der Offiziere nachzeichnen - mit der des Terrors vergleicht, so fehlt dieser jede Öffentlichkeit, jeder demonstrative Aufwand, jede machtrepräsentierende Schau. Sie zieht sich gleichsam im geheimen Untergrund hin, getragen von Freundschaft, von absolutem Vertrauen zueinander und von der entschiedenen Ablehnung des nationalsozialistischen Systems, begründet in gemeinsamen Werten und Wahrheiten. Der Untergrund blieb als letzter Platz in einer Topographie des Terrors übrig, die - total wie sie angelegt war - für anderes als die eigene Heilslehre, den Nationalsozialismus, keinen Raum ließ. Es wäre wichtig, zumal für die jüngere Generation, um diese Topographie des Widerstandes, in diesem Fall in der Stadt München, zu wissen. Durch zeitgeschichtliche Exkursionen könnte die notwendige Begegnung mit der Vergangenheit geschehen, könnte endlich der hohe sittliche Wert »Widerstand« gegen das System des Terrors und des Unrechts im alltäglichen Raum einer großen Stadt Gestalt gewinnen und konkret werden. Was theoretisch so ferne scheint, könnte in der eigenen Nachbarschaft entdeckt werden.

Anmerkungen                     zurueck

* Vor 50 Jahren, am Morgen des 28. Juli 1944, wurde P. Alfred Delp S.J. an der St. Georgskirche in München-Bogenhausen von der Gestapo verhaftet. Es begann seine Passion, die mit seiner Hinrichtung am 2. Februar 1945 endete. Der Beitrag möchte an ihn und sein Vermächtnis erinnern.
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1 Topographie des Terrors, hg. von R. Rürup. Berlin 41988. zurueck
2 Historia Monacensis Residentiae St. Michaelis 1925-1953 (Mskpt). zurueck
3 L. Volk, Akten Kardinal Michael von Faulhabers 1917-1945 I. Mainz 1975, 489. zurueck
4 W. Graf, Briefe und Aufzeichnungen, hg. von A. Knoop-Graf und I. Jens. Frankfurt 1988,321. zurueck
5 ebd. 323. zurueck
6 ebd. 324. zurueck
7 ebd. 318. zurueck
7a Mondrian W. Graf v.Lüttichau schreibt dazu in einer Email vom 18.Mai 2012: Dies ist nicht ganz richtig. Michael Brink hie├č mit amtlichem Namen Emil Piepke (nicht Piefke). Den Namen Michael Brink hatte er angenommen in Erinnerung an einen fr├╝h gefallenen Freund. Piepke, der 1947 starb, hat unter dem Namen Michael Brink seit 1935 einige B├╝cher ver├Âffentlicht, darunter war der 1942 erstmals erschienene "Don Quichotte" gerade f├╝r Mitglieder der Wei├čen Rose (insbesondere Willi Graf) bedeutsam. - Ich arbeite derzeit an einer Neuver├Âffentlichung dieser Arbeit; dabei stie├č ich auf Ihre Website. (nachträgliche Einfügung von P.O.Schärpf 7.6.2012) zurueck
8 Dossier Kreisauer Kreis, hg. von R. Bleistein. Frankfurt 1987, 186-187. zurueck
9 HJ. von Moltke, Briefe an Freya 1939-1945. München 21989, 515-516. zurueck
10 A. Delp, Gesammelte Schriften III, hg. von R. Bleistein. Frankfurt 1983, 267-268. zurueck
11 Spiegelbild einer Verschwörung, hg. von H.-A. Jacobsen. Stuttgart 1984, 388-391 (= Kaltenbrunner-Berichte). zurueck

Literatur zum Thema:       

Rupert Mayer, Leben im Widerspruch. Frankfurt 1991;
Augustin Rösch, Kampf gegen den Nationalsozialismus. Frankfurt 1985;
Inge Scholl, Die Weiße Rose. Frankfurt 1993;
Roman Bleistein, Alfred Delp. Geschichte eines Zeugen. Frankfurt 1989;
Roman Bleistein, Rupert Mayer, Der verstummte Prophet. Frankfurt, 1993.