VERWURZELUNG UND WEITUNG. JOHANNES B. LOTZ S.J. (1903-1992) IN SEINER ZEIT

von Gerd Haeffner S.J. *

Einleitung               zurueck

Zur Weise, wie Menschen ihr Leben leben können, gehört es, daß sie von Zeit zu Zeit Rückschau halten auf das, was im Begriffe steht, zu vergehen, sei es um davon ausdrücklich Abschied zu nehmen, sei es, um für das Kommende Maßstäbe des Niveaus und der Kontinuität zu gewinnen.
Diese Hochschule, deren Gast Sie heute sind, hat während ihrer fast 80jährigen Geschichte mancherlei Veränderungen erfahren und vollzogen. In unseren Jahren nun vollzieht sich, fast unbemerkt, ein Wandel, der tief geht. .
Die meiste Zeit verlief das Denken, das hier gelehrt und gelernt wurde, in den Bahnen der sog. Neuscholastik, d.h. einer Tendenz, am strengen Stil der akademischen Philosophie anzuknüpfen, wie er sich etwa im 12. Jahrhundert herausgebildet und großenteils bis ins 18. Jahrhundert im europäischen Kulturraum geherrscht hatte. Man orientierte sich vor allem an der Schule des Thomas von Aquin, die freilich einen beträchtliche Variation von kontrovers diskutierenden Einzelschulen aus sich entließ, die sich an Autoren wie z.B. Scotus, Cajetan oder Suárez anschlossen. Man griff auf diese Klassiker des Mittelalters und der frühen Neuzeit zurück, teils selbstsicher die moderneren Bewegungen des 18. und 19. Jahrhunderts überspringend, teils mit diesen sich produktiv auseinandersetzend. In jedem Falle bildete sich dadurch in Inhalt und Form ein Rahmen für Lehre und Forschung, der eine streng rationale, wenngleich etwas zeitenthobene Arbeit ermöglichte und forderte. .
Wenn man auf diesem Hintergrund die Situation der Hochschule für Philosophie heute ansieht, so fällt auf, daß dieser neuscholastische Rahmen kaum mehr spürbar ist. Mehr: die Generation von Dozenten und jüngeren Professoren, die sich anschickt, heute und morgen die Hauptlast der Hochschularbeit zu übernehmen, hat diesen scholastischen Hintergrund in ihrer eigenen Ausbildung überhaupt nicht mehr erlebt. Ihre Lehrer waren selbst schon nicht mehr oder kaum Scholastiker zu nennen. Aber sie hatten, ungeachtet ihrer individuell sehr verschiedenen Entwicklung, gewissermaßen in ihrem Hinterkopf noch diese Tradition als gemeinsamen Referenzrahmen. Diese Zeit geht nun zu Ende.
Das ist Grund genug zurückzuschauen auf die Zeit, die für die Hochschule in der Phase ihres Aufenthalts in Pullach im Isartal (1925-1971) und des Übergangs nach München (1971) als eine Art von klassischer Periode gilt. Sie ist ab 1938 geprägt worden vor allem von drei Professoren, die als das „Pullacher Dreigestirn“ galten: von P. Josef de Vries (1898-1989), der vor allem Erkenntnistheorie, aber auch nahezu alle anderen Fächer dozierte und über 30 Jahre der Dekan der Fakultät war, – von P. Walter Brugger (1904-1990), der das bekannte „Philosophische Wörterbuch“ herausgab und eine große „Summe einer philosophischen Gotteslehre“ verfaßte, – und last not least von P. Johannes B. Lotz, dessen Geburtstag sich am 2. August 2003 zum 100. Mal gejährt hat und den ich heute in den Mittelpunkt meines Versuchs einer Vergegenwärtigung stellen möchte.
Es ist der Versuch einer Vergegenwärtigung, in Abwesenheit dessen, um den es geht. Wie es Augustinus mit Moses ging, der „geschrieben hatte und dann wegging“(Conf. XI, 3,5), so daß er ihn nicht mehr fragen konnte, ob er sich recht verstanden fühle, so geht es auch mir: Ich kann P. Lotz nicht mehr um Ergänzungen oder Korrekturen des Bildes bitten, das ich Ihnen nun skizzieren werde. Die Qualität dieses Bildes wird vielmehr allein daran gemessen werden müssen, ob diejenigen unter Ihnen, die Lotz noch gekannt und geschätzt haben, ihn darin wiedererkennen, und ob diejenigen unter Ihnen, denen er bisher nur der Verfasser gewisser Bücher oder ein bloßer Name gewesen ist, mit diesem Namen nachher eine lebendige Vorstellung verbinden können. Es ist ein Bild, das mit Farben gemalt ist, die ich aus eigener Erinnerung an ihn, aus seinen Schriften und aus einigen an ihn gerichteten Briefen gewonnen habe. Das Bild setzt sich aus fünf Teilen zusammen: in der Mitte (2) steht eine Skizze seines Philosophierens, das im Austausch mit seinen Lehrern und seinen Gesprächspartnern lebte (3). Es schließt sich an eine Charakteristik seiner Persönlichkeit (4) und seiner Zeit (5). Einführend (1) aber muß ich einige Worte zu den wichtigsten Phasen und Tätigkeiten seines Lebens sagen.

1. Leben                     zurueck

Pater Lotz nannte sich „Johannes B.“ Lotz; in seinem Paß aber steht, der damaligen Mode entsprechend, die französische Form Jean, und in seiner Familie hieß der am 2. August 1903 in Darmstadt Erstgeborene liebevoll Jeani. Seinen fünf Brüdern und zwei Schwestern blieb Jean Lotz sein Leben lang eng verbunden. Dem Andenken seines Vaters, der aus einem bekannten pfälzischen Weinort stammte und ein Schuhgeschäft betrieb, widmete er sogar ein Büchlein mit dem Titel „Der Mann aus St. Martin“ (Stuttgart 1974). Jean Lotz wuchs in Darmstadt auf und ging dort aufs Realgymnasium.
Der Priesterberuf, den er in sich verspürte, führte ihn im September 1921 in das Noviziat der Gesellschaft Jesu in Tisis bei Feldkirch/Vorarlberg. Seine ersten drei philosophischen Studienjahre absolvierte er in Valkenburg, in den südlichen Niederlanden, wohin die durch Bismarck 1871 aus dem Reich vertriebenen deutschen Jesuiten ihre Ausbildungshäuser zu verlegen gezwungen waren. Schon damals mußte es klar geworden sein, daß die spätere Arbeit des Jesuiten Lotz auf dem Feld der Philosophie liegen könne. Denn unmittelbar anschließend wurde er nicht, wie wohl die meisten seiner Kurskollegen, in die Jugenderziehung, sondern als Philosophen-Repetitor an das Collegium Germanicum in Rom geschickt (1926-1929). Dann (1929-1933) finden wir ihn zum Studium der Theologie in Innsbruck, wo ihn besonders der Pastoraltheologe und Liturgiewissenschaftler Josef Andreas Jungmann beeindruckte. Das Jahr 1932 ist das Jahr seiner Weihe zum Priester (26.07.), an das sich, nach dem Ende der Theologie, eine letzte Phase spiritueller Ausbildung („Tertiat“) in St. Andrä im Lavanttal anschloß. Nach 2½Jahren eines Spezialstudiums in Philosophie an der Universität Freiburg begann er im Herbst 1936, an der Hochschule in Pullach zu dozieren, und zwar Ontologie und Geschichte der Philosophie.
In Pullach hatte er auch mehrfach das schwere Amt des Rektors zu übernehmen, wobei der Rektor damals sowohl der akademische Vorstand der Hochschule wie der Obere der großen, über 100 Ordensstudenten („Scholastiker“) umfassenden Ordensgemeinschaft zu sein hatte: schon 1937-1939, dann 1945 für einige Monate, und wieder, nachdem er von einer langwierigen Tuberkulose genesen war, Herbst 1948 bis Dezember 1949. Ab 1952 übertrug man ihm, zu seinen Pullacher Verpflichtungen hinzu, auch noch Doktorandenkurse an der Universitas Gregoriana in Rom, die er bis er zu seinem 80. Geburtstag hielt, wo er von dieser anregenden Tätigkeit und vom lebendigen Austausch im Kreis der Deutschrömer Abschied nehmen mußte, was ihm sehr schwer fiel. 1971 machte er, zunächst eher reserviert, den Auszug der Hochschule aus Pullach und den Neubeginn in München mit. Er hielt dort Vorlesungen und Seminare bis wenige Jahre vor seinem Tod, der ihn nach langer, aber erstaunlich erträglicher und erst gegen Ende bitteren Krebskrankheit am 3. Juni 1992 heimsuchte.
Die Tätigkeit von P. Lotz beschränkte sich nicht auf die Lehre an der Hochschule und die dazugehörenden Verpflichtungen. Er hielt zahlreiche Vorträge, nicht zuletzt an Katholischen Akademien, wobei ihm einige besonders nahestanden: die in München, bei deren Gründung er mitwirkte, in Freiburg, in Bensberg und in Augsburg. Auch seelsorgliche Aufgaben lagen ihm stets sehr am Herzen. Je älter er wurde, desto breiteren Raum nahmen Vorträge und Anleitungen zum Meditieren ein. Viel Zeit verbrachte er an seiner Schreibmaschine, aus der heraus zahlreiche Bücher und Aufsätze, in deutscher, lateinischer und italienischer Sprache, ins Dasein traten und in die Welt der Leser und Übersetzer übergingen. Die Liste seiner selbständigen Veröffentlichungen (in lateinischer oder deutscher Sprache) von 1937 bis 1991 umfaßt 55 Nummern, die seiner Aufsätze usw. über 400.1

2. Das Philosophieren von J. B. Lotz                zurueck

Nun ist eine knappe Skizze der Philosophie von Johannes B. Lotz vorzutragen. Lieber freilich sprach Lotz von seinem „Philosophieren“, um das Suchende des „Vollzugs“ zu betonen, gegen das Fertige eines Werks. Da diese Skizze die Sache selbst „sehen lassen“ soll, um die es Lotz ging, komme ich nicht umhin, sie mit meinen Worten und nach meinen Fähigkeiten vorzutragen, die ich allerdings von Lotz, meinem ersten und wichtigsten Lehrer der Philosophie, erworben habe.

2.1 Der Ansatz                 zurueck

Seinen Anfang hat das philosophische Nachdenken von J. B. Lotz im Staunen über das Faktum des Erkennens. Daß wir erkennen können, ist höchst bemerkenswert. Die primären Objekte des Erkennens sind Sachverhalte der sinnlich gegebenen, materiellen Welt. Sie gelten uns allen als Repräsentanten dessen, was man unter den „Sachen selbst“ oder unter dem „Sein“ versteht.2 In der Erkenntnis erweisen sie sich als etwas, was in sich steht und uns zugleich entgegenkommt, – als das, was an sich ist, und zugleich, als Erkanntes, in uns ist. Im Erkennen selbst sind das Erkannte und der Erkennende in gewisser Weise eins, aber nicht in einer Vermischung, sondern gerade im Gegenüber von Objekt und Subjekt. Wie ist das möglich? Lotz greift diese Frage auf und versucht, sie im Sinne einer Metaphysik der Erkenntnis zu lösen.
Diese betrachtet zunächst die komplexe Struktur des erkannten Objekts näher. Wenn etwas erkannt wird, wird es als etwas erkannt: z.B. dieses da als ein Baum, oder dieser Baum als kahl, hoch gewachsen, mit anderen in einer Gruppe stehend usw. M.a.W, wie schon Aristoteles gesagt hat, enthält jeder erkannte Sachverhalt eine Synthese (z.B. von „dies“ und „Baum“, oder von „diesem Baum“ mit „kahl“), zugleich aber auch eine Unterscheidung. Denn „Baum“, „kahl“ usw. sind allgemeine Bestimmungen, die auf Vieles anwendbar sind, dies-da aber, das sich als Baum zeigt, ist etwas Einzelnes.
Der komplexen Struktur des Sachverhalts entspricht nun die Arbeit des wahrnehmenden und urteilenden Subjekts. Ich nehme wahr: das heißt zunächst, daß durch die Tore meiner Sinne sinnliche Qualitäten einströmen, durch die sich die Realität fundamental meldet; das heißt dann, daß ich das so Empfangene auf seine kategorialen Bestimmungen hin (was es ist, wie beschaffen es ist, in welchen Relationen es steht usw.) befrage und erfasse; und das heißt schließlich, daß ich das so strukturiert Empfangene als Selbstpräsentation eines realen Sachverhalts erfasse und ratifiziere, indem ich sage: So und so ist es.
Um genauer zu sehen, was damit gesagt ist, muß man sich dreierlei klar machen: Erstens das Wunder der Sinnlichkeit: Die chemische Wirkung, die ein Baum auf meinen Körper hat, ist ihrerseits nur eine chemische Reaktion in diesem: daß sich auf dieser Grundlage eine Geruchsempfindung entwickelt, ist aber wesentlich mehr. Dasselbe gilt für die Reflexion des Lichtes von der Oberfläche der Rinde in das Auge. Physische Kausalität allein reicht nicht hin, um ein Repräsentationsverhältnis zu begründen.
Zweitens muß man auf das Wunder des Begriffs bzw. des Verstandes stoßen. Denn die genannte Struktur eines Sachverhalts, zugleich eine Synthese und eine Unterscheidung zu sein, ist nicht mehr sinnlicher, sondern rationaler, logischer Natur. Sie ist eine Leistung des Verstandes, und zugleich die Struktur des erkannten Sachverhalts selbst, ohne daß dieser doch aufhörte, objektiver Sachverhalt zu sein. Die Frage ist dann: Was sind eigentlich begriffliche Strukturen?
Damit gehen wir schon über zum Dritten, das für eine Metaphysik der Erkenntnis und speziell für die von J.B. Lotz, das Entscheidende ist. Es ist das Wunder des „ist“ selbst, m.a.W. des Seins und des ihm entsprechenden Vermögens, der Vernunft. Es durchzieht die beiden anderen Weisen des Erstaunlichen. Es ist etwas höchst Einfaches, eben deshalb aber noch leichter zu übersehen als die beiden anderen Weisen des Wunderbaren. Es ist jenes Element im Erkennen und Erkannten, das mit Hilfe des Wortes „ist“ in mehrfacher Weise ausgedrückt wird: „a ist g“; „a ist (= existiert)“, „es ist wirklich so, daß a g ist“. Die Frage ist ja: Aufgrund wovon können wir diese Setzung (Behauptung) vollziehen, die im Urteil „so ist es“ liegt? Nur dadurch, daß sich uns schon das „ist“ überhaupt, eben das Sein, eröffnet hat. Diese Eröffnung begründet das Vermögen der Vernunft, das über die Vermögen der Sinnlichkeit und des Verstandes hinausgeht, oder, wie man besser sagen kann: das diese normalerweise untergreift und umfängt.
Um das zu sehen, muß man freilich für den Augenblick das Sinnliche und das Verstandesmäßige durch eine künstliche Analyse rein für sich herauspräparieren. Dann wird auf der einen Seite klar: Im rein sinnlichen Affiziertwerden gibt es weder ein Objekt noch ein Subjekt noch den Unterschied zwischen beiden; es taucht kein Sachverhalt im Gegenüber zu mir auf, sondern es bleibt alles im Zustand subjektlos schwebender Impressionen. Und auf der anderen Seite läßt sich nicht übersehen, daß das Spiel des reinen Verstandes mit reinen begrifflichen Bestimmungen völlig in der Immanenz des logisch Denkbaren bleibt; es gibt zwar Subjekt und Objekt, aber das Objekt ist nur ein denk-mögliches, kein reales. Das ändert sich auch dann nicht wesentlich, wenn man die Grisaille der logischen Verhältnisse mit sinnlichen Qualitäten koloriert. 3 Denn das eine wie das andere – und so auch beides zusammen – schwebt auf seine Weise solange in der Luft, als es nicht wieder auf den Boden des Seins zurückkommt. Auf das Subjekt hin gesprochen, heißt das: Wäre ihm nicht von vornherein Sein überhaupt erschlossen, so könnte es niemals etwas als seiend erfassen, weder das Begegnende noch sich selbst noch diesen Unterschied.
Was ist nun diese Erschlossenheit des Seins bzw. das erschlossene Sein selbst? Es ist weder selbst ein konkreter Sachverhalt noch bloß ein Begriff. Es liegt vor aller realen und möglichen konkreten Realität, deren ganze Fülle es eingefaltet in sich enthält und in die es sich ausdifferenziert. Es liegt allen Begriffen und erst recht dem Seinsbegriff voraus, die nur entworfen und gebildet werden können im Hinblick auf es. Das Sein selbst ist jeweils das (in sich noch mehrfach gegliederte) Sein von Seiendem, aber seine Fülle wird dadurch nicht erschöpft; denn es ist identisch weder mit dem Sein dieses bestimmten Seienden noch mit dem Sein alles Seienden im Ganzen. Das Sein selbst ist der Horizont, unter dem uns Seiendes in vielfacher Weise allein als solches begegnen kann und begegnet; aber es geht nicht in dieser Funktion auf, sondern hat seine eigene Tiefe und Wahrheit. Das meint Lotz, wenn er im Anschluß an Heidegger von der ontologischen Differenz spricht und diese für das Fundament der Philosophie hält. Gegen diese Erkenntnis sperrt sich unser gewöhnliches Vorstellen, das nur Dinge bzw. Sachverhalte, m.a.W. Seiendes, kennt und zuläßt. Eine bleibende Irreduzibilität des Seins auf das Seiende zuzulassen, kommt, wie auch Platon und Hegel betonten, einer revolutionären Umkehrung der gewöhnlichen Einstellung gleich.

2.2 Vertiefung und Erweiterung                 zurueck

Für die persönliche Art und Weise, wie P. Lotz diese Erkenntnis, die im wesentlichen der großen Tradition des abendländischen Denkens von Platon über Thomas von Aquin4 bis teilweise hin zu Heidegger eigen ist, weiterführt, sind nun zwei Schritte von Bedeutung, die eng zusammenhängen: die theoretische Vertiefung ins Theologische und die praktische Erweiterung ins Meditative.
(a)zurueck Die Vertiefung der Seinserfahrung hin zu einer Erkenntnis Gottes hat für Lotz zwei Seiten. Auf der einen Seite steht die Intuition, daß all das, was vom Sein gesagt wurde – daß es nämlich nicht darin aufgeht, das Was-Sein und Da-Sein der endlichen Seienden, einzeln oder zusammen genommen, zu sein, und auch nicht darin, nur Horizont unserer Erkenntnis des Endlichen zu sein – daß das nur dann wahr sein kann, wenn es in seiner eigenen Fülle ruht. Dieses in seiner eigenen Fülle ruhende Sein (ipsum esse subsistens) wird schon von Thomas von Aquin als das verstanden, was die religiöse Sprache „Gott“ nennt. Deswegen kann er sagen – und Lotz schließt sich ihm dabei an – , daß in allem, was als seiend erkannt wird, implizit Gott mit-erkannt wird. Das ist die eine Seite der theologischen Medaille. Die andere sieht so aus: Wenn man verstehen will, was für eine Art von Realität das Wort „Gott“ nennt, darf man nicht an ein besonderes Seiendes denken, und sei es das vollkommenste und höchste. Damit zöge man Gott herab auf die Ebene des gewöhnlichen Vorstellens und machte ihn zu einem von vielen Seienden. Man muß vielmehr den ganzen Bereich des Seienden zurücklassen, und, in einer Einheit von Intuition und Nichtwissen, den Gedanken des Seins selbst zu fassen versuchen. Als die innerste Mitte des Seins selbst und seiner Selbstgabe kann dann Gott aufscheinen. Diese Erfahrung erlaubt es erst, die heiligen Schriften angemessen zu verstehen.
    (b)zurueck Erweiterung ins Meditative. Vom Gesagten her deutet sich schon an, daß die so angesetzte Praxis des Philosophierens eine große Nähe zum Meditieren hat. Von einer eigentlichen, gegenständlichen Erkenntnis des Seins kann ja nicht die Rede sein, weil dessen einfache, dem Licht ähnliche Erschlossenheit alles Erkennen von Seiendem erst ermöglicht. Muß es also immer im Hintergrund bleiben und damit für uns wie „nichts“ sein? Kann man seiner doch in gewisser Weise ausdrücklich innewerden? Lotz antwortet, daß die ungegenständliche Meditation eine Weise sein kann, sich der Ungegenständlichkeit des Seins und damit indirekt auch Gottes selbst zu nähern. Er bezeichnet die Meditation als einen Weg, der parallel zum rationalen Aufweis des göttlichen Seins geht, wobei „in der Meditation die Immanenz des subsistierenden Seins im endlichen Seienden“ und im Seelengrund „den Primat“ hat, während „im Gottesbeweis die Transzendenz akzentuiert“ wird.5 Nach 19456 hat deshalb im Wirken von P. Lotz die Einübung und Deutung der Meditation einen großen Platz. Sein Bestreben war es dabei, das christliche, zumal ignatianische Erbe mit Anregungen aus dem Osten zu verbinden. Die Ursache dafür lag nicht nur in seiner seelsorglichen Einstellung und seiner Sensibilität für ein gewandeltes religiöses Empfinden, sondern auch im Grundzug seines Philosophierens.7

3. „Erwecker“ und Gesprächspartner    zurueck

3.1 Lehrer

Lehrer in dem hohen Sinn, den dieses Wort annehmen kann, hat Lotz nur zwei gehabt: Wilhelm Klein und Martin Heidegger. – Wilhelm Klein8 war von 1922 bis 1929 Professor für Erkenntnistheorie an der Philosophischen Fakultät der deutschen Jesuiten im Valkenburger Exil, wo Lotz von 1923 bis 1926 den klassischen Kurs scholastischer Philosophie durchlief. Entscheidend wurde Klein für den jungen Lotz in zwei Dingen. Es war einerseits, wie er oft erzählte, Kleins „vierte These“, die ihn wach machte für die universale Seinsoffenheit des menschlichen Geistes. Und es war andererseits der Hinweis auf Hegel, Pierre Rousselot und vor allem auf Joseph Maréchal, der Thomas von Aquin von den Fragestellungen Kants und Fichtes neu zu „lesen“ unternahm. Lotz studierte damals Maréchals Hauptwerk „Womit der Anfang der Metaphysik gemacht werden muß. Historische und systematische Studien zum Problem der Erkenntnis“9.
Der zweite Lehrer, der das Denken von Lotz prägte, war Heidegger (1889-1976). Johannes Lotz und Karl Rahner waren von ihrem Oberen, P. Provinzial Franz X. Hayler bestimmt worden, später Philosophie zu dozieren, und sollten deshalb innerhalb von zwei Jahren den Doktorgrad einer deutschen Universität erwerben. Die beiden planten, je zwei Semester bei den damals berühmtesten Philosophen zu studieren: bei Martin Heidegger in Freiburg und bei Nicolai Hartmann in Berlin. Sie gingen nach Freiburg und gewannen den Eindruck, daß Hartmann gar nicht so gut sein konnte wie es Heidegger war. So blieben sie vom Wintersemester 1934/35 bis zum Sommersemester 1936 in Freiburg. Eine Promotion bei Heidegger kam freilich nicht in Frage10; diese Aufgabe übernahm Martin Honecker11, der Inhaber des Konkordatslehrstuhls für Philosophie. Bei ihm wurde Lotz im November 1936 mit der Abhandlung „Das Seiende und das Sein. Grundlegung einer Untersuchung über Sein und Wert“12 promoviert. Doch studierte man nicht nur bei Honecker, sondern u.a. auch bei Erik Wolf, Fritz Kaufmann und natürlich vor allem bei Heidegger. Lotz hörte seine Vorlesungen „Hölderlins Hymnen ‚Germanien’ und ‚der Rhein’“, „Einführung in die Metaphysik“, „Grundfragen der Metaphysik“ (über Kants Grundsätze) und „Schelling: Vom Wesen der menschlichen Freiheit (1809)“.13 Wichtiger noch war die Teilnahme an Heideggers Oberseminaren, besonders an dem zu Hegels „Phänomenologie des Geistes“.14 Über die Zeit bei Heidegger sagte Lotz: „Diesem Meister verdanke ich meine zweite philosophische ‚Erweckung’, wozu der äußerst anregende Umgang mit Rahner kam.“15 Zu beachten ist jedoch, daß beide, als sie sich dem Einfluß Heideggers aussetzten, keine Anfänger mehr, sondern schon geprägte Denker waren.

3.2. Gesprächspartner     zurueck

Philosophieren (griechisch: philosopheín) war für Lotz immer ein symphilosopheín, eine Suche nach Erkenntnis im Miteinander. Er liebte das Gespräch, besonders den Austausch mit Philosophen, mit Künstlern und Seelenkennern. Nicht wenige davon wurden bald seine Freunde.
3.2.1 Philosophie                   zurueck
Beginnen wir, im Anschluß an die Darstellung seines eigenen Philosophierens damit, stellvertretend für Viele, zwei seiner wichtigsten Freunde und philosophischen Austauschpartner zu nennen, die ihm schon in der Freiburger Studienzeit zuwuchsen. Daß er mit seinem etwas jüngeren Mitbruder Karl Rahner (1904- 1984) einen „äußerst anregenden Umgang“ hatte, wurde schon erwähnt. Zu nennen ist aber auch Max Müller (1906-1994). Ihn möchte ich selbst zu Wort kommen lassen. Er schrieb am 01.02. 1989: „Ich habe mich immer von der Philosophie zur Theologie hinüber interessiert, Du hattest Dein Schwergewicht in Theologie und Pastoral und hast aber die lebendige Verbindung zum Philosophieren in einer Weise gepflegt, daß Du Deinen Hörern und den anderen Dir Anvertrauten in dieser Weise hast ungewöhnlich viel geben können. ... Lieber Jean, ich freue mich immer unserer Freundschaft und gedenke oft des dritten in unserem Kreise, Karl Rahners, der an Dir einen treuen Wegbegleiter gefunden hat und in seinem überschäumenden Temperament in Deiner Ruhe und Ausgeglichenheit das richtige Pendant während seines Lebens stets gehabt hat.“
3.2.2 Bildende Kunst und Literatur zurueck
Daß ein Philosoph, dessen Thema das Erfassen des Seienden in seinem Sein ist, sich für die Kunst des Wahrnehmens und Bildens von Formen interessiert, liegt nahe. So ist es kein Zufall, daß P. Lotz den Austausch mit zahlreichen Schaffenden pflegte. Für die bildende Kunst sei vor allem der Bildhauer Hans Wimmer genannt, von dem in München u.a. der Richard-Strauß-Brunnen vor St. Michael und die Reiterstatue Kaiser Ludwigs IV. vor dem Alten Hof zu bewundern sind. Im Bereich der Literatur gab es intensive Kontakte mit Sophie Dorothee Gräfin Podewils und ihrem Gatten Clemens, dem Generalsekretär der neugegründeten Bayerischen Akademie der Schönen Künste, – mit Karin und Johannes Schauff, mit Ruth Schaumann, mit Luise Rinser, und auch mit Emil Staiger, Reinhold Schneider und Gertrud von Le Fort.
3.2.3 Psychologie und Meditationskunst zurueck
Wie eng die Beziehung von philosophischem Nachsinnen und meditativer Aufmerksamkeit für Lotz war, wurde aufgezeigt. So hatte er auch zahlreiche Beziehungen zu Meditationslehrern und Seelenärzten. Unter den letzteren sind vor allem zu nennen: Viktor E. von Gebsattel, den Lotz auf Heideggers Hütte kennenlernte, Wilhelm Bitter, Mitgründer und langjähriger Leiter der „Stuttgarter Gemeinschaft Arzt und Seelsorger“, sowie Carl Gustav Jung. Unter den Lehrern der Meditation, mit denen er in Verbindung stand, wurde für P. Lotz besonders Karlfried Graf Dürckheim wichtig, der in Todtmoos- Rütte (Schwarzwald) eine Stätte gründete, wo er die aus Japan mitgebrachten Methoden des Zen lehrte.16 Lotz übte und lernte bei ihm und unterstützte ihn umgekehrt bei seinem religiösen Suchen. Als 1974 Ursula von Mangoldt 17, die durch ihren O. W. Barth Verlag lange in der Vermittlung östlichen Denkens an den Westen gearbeitet hatte, zusammen mit Wolf von Fritsch die Zeitschrift „Meditation“ gründete, die in die Meditationsbewegung wieder mehr das christliche Element einbringen sollte, gewann sie P. Lotz als Berater und als Autor, der im Lauf der Jahre selbst an die 45 Kurzbeiträge verfaßte.

4. Persönlichkeit             zurueck

Bisher habe ich versucht, die Gestalt von J.B. Lotz im Spiegel seines Lebens, seines Werkes und seiner Gesprächspartner erkennen zu lassen. Wer aber war er selbst? Welches waren die Grundzüge seiner Persönlichkeit, die auch sein Philosophieren prägten?
Der Zug seiner Persönlichkeit, der aus dem Gedächtnis wohl als erster aufsteigt, ist seine Stabilität. Er selbst zitierte gerne die Hölderlinworte aus der 4. Strophe der Rhein-Hymne: „das meiste nämlich/ Vermag die Geburt“, bzw. ausführlicher: „Wie Du anfingst, wirst du bleiben, / So viel auch wirket die Not, / Und die Zucht, das meiste nämlich/ Vermag die Geburt, / Und der Lichtstrahl, der / Dem Neugeborenen begegnet.“ Viele Menschen, denen er zum Lehrer und Helfer wurde, haben sein ausgewogenes Urteil geschätzt und sein Stehen in sich selbst bewundert. Der Dichter Albrecht Goes drückte das einmal in einem Brief an Lotz im Dezember 1972 so aus: „Der schöne Abend bei Dorothea Andres klingt sehr in mir nach, ich war sehr glücklich, Sie zu treffen, und neben dem Ton war es – das ist selten – auch der Unterton dessen, was Sie sagten (oder nicht sagten), der mir naheging: Sie hatten auf eine so heiter-souveräne Weise ‚das Ganze’, und es legte sich nicht schwer auf Ihr Gegenüber, sondern lebenerweckend.“
Von dieser Stabilität ist auch seine philosophische und, soweit man das sehen kann, seine religiöse Entwicklung geprägt. Extreme hatten nichts Faszinierendes für ihn. Das Thema seiner philosophischen Bemühungen blieb im Wesentlichen sein Leben lang dasselbe. Es gab keine Umbrüche, wie etwa bei Ludwig Wittgenstein oder stark kontrastierende Phasen wie etwa bei Max Scheler, sondern eine konstante Entfaltung und Vertiefung der Einsichten, die er früh gewonnen hatte, im Keim schon während seines Philosophiestudiums in Valkenburg. Vielmehr beobachtet man eine zunehmende Konzentration und Vereinfachung. Die analytische Seite der philosophischen Arbeit tritt mehr und mehr zurück zugunsten der Synthese. Als Lehrer ließ er seine Studenten nicht teilhaben an seinen eigenen Suchbewegungen und eventuellen Aporien. Sein Stil war, nach kurzer Einführung in die Problemlage, gekennzeichnet durch die Souveränität des „respondeo dicendum“ („Dazu ist meines Erachtens zu sagen ...“), mit dem Thomas von Aquin seine Darlegungen einzuleiten pflegte. Wollte er ein Buch oder einen Artikel schreiben, so setzte er sich hin und tippte das Manuskript fast satzfertig in die Maschine. Immerhin sagte er mir einmal, um mich zu trösten, daß auch er immer wieder durch „Tunnelerfahrungen“ hindurch müsse. Und daß sein erfolgreichstes Buch „Von der Einsamkeit des Menschen“18 war, läßt vermuten, daß das so treffend behandelte Thema nicht nur den Lesern, sondern auch dem Verfasser nicht fremd geblieben ist.
Als zweiten, mit dem ersten eng zusammenhängenden Grundzug möchte ich seine Tendenz und Fähigkeit zur Vermittlung nennen, – zur Vermittlung zwischen Tradition und Moderne, zwischen Ost und West, zwischen den Etablierten und den Jungen.
J.B. Lotz war alles andere als ein Revolutionär. Er lebte aus dem Hergebrachten und dem Überlieferten. Doch öffnete er sich, darin ohne alle reaktionäre Attitude, dem Neuen, wenn es seine Qualitätsprobe bestanden hatte. Dazu konnte gelegentlich auch Mut gehören. Jedenfalls waren ihm eine grundsätzliche Lockerung und Erweiterung der damals geltenden kirchlichen Horizonte ein Anliegen. Bernhard Welte schrieb ihm in diesem Zusammenhang einmal im Herbst 1953: „Sie dürfen und sollen sich bewußt sein, daß Sie vielleicht doch der wichtigste Exponent dieses Vorgangs im Augenblick sind.“
Weil aber an Lotzens grundsätzlicher Loyalität gegenüber den religiösen Autoritäten nie ein Zweifel bestand, weil er nie in den schrillen Chor der Kritiker einstimmte, selbst wenn er deren Anliegen teilte, deshalb konnte er auch Kollegen weiterhelfen, wenn es galt, sowohl wissenschaftliche Leistung wie Glaubenstreue zu bezeugen. So kam mancher, der nachher zu Recht berühmt wurde, zum ersehnten Lehrstuhl. Und so durfte mancher ungehindert arbeiten, dem man sonst vielleicht diese Möglichkeit genommen hätte; so konnte Lotz z.B. P. Hugo Lassalle, als 1963 massive Einwände gegen dessen Vermittlungsversuche zwischen christlicher Spiritualität und Zen-Praxis auftauchten, ebenso diskret wie effizient beispringen.
Nicht immer freilich glückte die Vermittlung. Ausgerechnet bei dem Symposion, das die Katholische Akademie Freiburg zu seinem 80. Geburtstag von (17.-19. 06.1983) organisiert hatte, mußte Lotz miterleben, wie sich seine besten Freunde, die mit ihm auf dem Podium Platz genommen hatten, in die Haare gerieten. Als Graf Dürckheim sehr scharf von Karl Rahner angegriffen und dieser dann von Max Müller noch um einige Grade härter attackiert wurde, immer an P. Lotz vorbei, der zwischen ihnen in der Mitte saß, da wurde im hilflosen Schweigen des vergessenen Geburtstagskindes noch einmal klar, wie gut er es mit allen gemeint hatte.
Noch ein dritter Charakterzug von J. B. Lotz muß genannt werden. Er liebte das Leben und alles Gute und Schöne in der Welt. In Pullach erfanden die Studenten den Spruch „P. de Vries beweist die Außenwelt, P. Lotz bereist die Außenwelt.“ Ja, P. Lotz reiste viel: sicher zunächst, weil das seine Vorträge und Exerzitienkurse forderten, aber auch, um die Schönheit der Landschaften und Kunstwerke in sich aufzunehmen. Daß er am Gespräch mit Freunden große Freude hatte, wurde schon erwähnt. Er hatte überhaupt ein großes Verlangen, das Gute wie ein Kind in sich aufzunehmen, in sich hinein zu assimilieren. Ich kenne den Namen einer Frau, die, um ihre eigene, schwache Lebensbejahung zu stärken, Gelegenheiten suchte, P. Lotz beim Essen zuzuschauen, denn dieses Essen war von sichtlicher Vitalität. Ebenso liebte er es, das Gute und Wahre, das er in sich aufgenommen hatte, anderen weiterzugeben und den Menschen beim Leben zu helfen. Als der Tod an ihn herantrat, klagte er, er wolle nicht sterben, er habe noch so Vieles mitzuteilen.

5. Situierung in seiner Zeit                   zurueck

Die Epoche, in die das Leben und Wirken von Johannes Lotz fiel, war durch Umbrüche gewaltigen Ausmaßes bestimmt. Der Schüler Jean wuchs noch in einer großherzoglichen Residenzstadt auf. Der Priesteramtskandidat trat in einen Jesuitenorden ein, der gerade erst seit vier Jahren wieder in Deutschland zugelassen war. Als der junge Dozent Lotz nach Pullach kam, da waren es nur noch drei Jahre, bis der Krieg ausbrach, ein Krieg, der auch das Kolleg in Pullach schwer beschädigte und dem P. Lotz selbst mit einem Teil seiner Familie im Feuersturm beim Angriff auf Darmstadt in der Nacht vom 11. auf den 12. September 1944 ums Haar zum Opfer gefallen wäre. Während des Krieges mußte er zudem um Menschen zittern, die wegen ihrer Widerstandsaktivitäten in die Konzentrationslager und Gefängnisse der Gestapo gekommen waren: z.B. um Pullacher Mitbrüder wie Alfred Delp und Lothar König, oder um den Vater seiner Schwägerin Doris, Franz Reisert, der zum Widerstandskreis um den Grafen Helmuth J. Moltke gehörte und, nach dem geplanten Sturz Hitlers, in dessen Regierung Justizminister hätte werden sollen.
Nachdem die enormen Schwierigkeiten des Aufbaus nach Krieg und Befreiung überwunden waren und einigermaßen Ruhe herrschte, traten innerkirchliche Wandlungen und Kämpfe in den Vordergrund. Es war die Zeit, da der freiere Umgang mit großen Autoren, die bis zum Zweiten Vatikanischen Konzil auf dem Index, dem Verzeichnis der verbotenen Bücher, gestanden hatten, sich endgültig Bahn brach. Es war die Zeit, als – in kleineren Zirkeln jedenfalls – die Ökumene des Denkens und Übens zwischen Menschen verschiedener christlicher Konfessionen oder dann auch anderer Religionen ausprobiert und erprobt wurde. Es war die Zeit, als der Unterricht an den Hochschulen des Ordens nicht mehr lateinisch gegeben werden mußte, und also auch die Lehrbücher und die Examina nicht mehr dieser Vorschrift unterlagen. An diesem Aufbruch hatte P. Lotz seinen Anteil, der, je nach Kontext, eher mutig oder vorsichtig ausfiel. Seine Wirkung war groß, in Deutschland wie in Italien, aber auch in Frankreich und anderen Ländern. Es gab Buchhandlungen, in denen ein ganzes Regalbrett mit Lotz-Büchern angeboten wurde.
Ich habe meine Charakteristik des Werks und der Person von Johannes B. Lotz unter das Stichwort „Verwurzelung und Weitung“ gestellt. Ich vermute, daß dieses Bild, mit dem sich die Idee einer Linde oder einer Eiche assoziiert, seine Zustimmung gefunden hätte. So wollte er sein und so war er auch. Heute freilich gibt es die Regale mit den Büchern von J.B. Lotz, ja selbst die Buchhandlungen, in denen man sie sehen konnte, nicht mehr. Obwohl vieles von seinen Gedanken und Impulsen in unserer schnellebigen Zeit zu Unrecht vergessen ist und eine neue Beachtung verdiente, so ist doch unsere Situation heute eine andere. Die Grundstimmung, gewissermaßen die Luft, in die hinein sich so ein Baum des Lebens und Philosophierens entfalten muß, ist eine andere geworden. Zwar ist der Boden, aus dem der Baum aufwachsen und in dem er Stand haben kann, im Wesentlichen immer noch derselbe, nämlich die große Tradition des Denkens und des Glaubens. Aber auch dieser Boden trägt nicht mehr so selbstverständlich und wie von selbst wie damals, sondern muß im Sich-Einwurzeln erst in neuer Weise entdeckt werden. Ich denke, daß P. Lotz dazu ermuntern würde, sich dieser Aufgabe ebenso mutig und besonnen zu stellen wie er selbst es getan hat.

Anmerkungen                     zurueck

* Vortrag im Rahmen der Akademischen Feier der HOCHSCHULE FÜR PHILOSOPHIE und des Berchmanskollegs S.J. am 14. November 2003. zurueck
1 Eine umfassende Bibliographie seiner Schriften aus der Feder von Josef de Vries und Markus Nechleba ist erschienen in Theologie und Philosophie 69 (1994) 238-264. zurueck
2 Dieser allgemeinen Überzeugung, die der Kritizismus in Zweifel gezogen hatte, gab die Phänomenologie Husserls und Heideggers ihr gutes Gewissen zurück, indem sie zeigte, daß dieser Zweifel auf Voraussetzungen beruht, die alles andere als evident sind. Lotz folgt dieser Auffassung. zurueck
3 Kant sagt zu Recht „Gedanken ohne Inhalt sind leer, Anschauungen ohne Begriffe sind blind“. (Kritik der reinen Vernunft B 75). Daraus darf man jedoch nicht folgern, daß die Kombination von Begriffen mit Anschauungen (wenn diese nicht unter der Hand, naiv Unkantisch, als Repräsentationen des Realen genommen werden) allein schon eine Erkenntnis des Realen ergäbe. zurueck
4 Lotz betont bei Thomas von Aquin das platonische gegen das aristotelische Element: Vom Sein zum Heiligen. Metaphysisches Denken nach Heidegger, Frankfurt a.M. 1990, 9-10. zurueck
5 Ebenda, 83. zurueck
6 „Eine Begegnung deutscher Patres in Untermarchtal (Herbst 1945) eröffnete meiner Arbeit eine neue Dimension. Wir wollten darüber nachdenken, was unsere Spiritualität zum Wiederaufbau nach dem verlorenen Krieg beitragen könnte. In einer Diskussionsbemerkung fand ich von der ignatianischen ‚memoria’ her den Weg zum Seelengrund, wodurch sich mir das Tor zu den heutigen, vom fernen Osten befruchteten Weisen des Meditierens auftat. Daraus erwuchsen zunächst vier Artikel für ‚Geist und Leben’: Das ‚Gedächtnis’ oder der Seelengrund in seiner Bedeutung für die Betrachtung: 23 (1950) 121-130; 214-225; 435-447; 24 (1951) 37-47, und dann drei Bücher über Meditation: Einübung ins Meditieren am Neuen Testament. Frankfurt 1965; Kurze Anleitung zum Meditieren. Frankfurt 1973; Einführung in die christliche Meditation. Freising 1985.“ Auszug aus einem unveröffentlichten Rückblick zum 8o. Geburtstag. zurueck
7 Siehe dazu: J. B. Lotz: Die transzendentale Erfahrung als Wurzel der über- gegenständlichen Meditation, in: Munen muso. Festschrift für Hugo Makibi Enomiya- Lassalle SJ zum 80. Geburtstag, hrsg. v. Günter Stachel, Mainz 1978, 340-353. zurueck
8 Klein (1889-1996) war 1913, schon als Priester, in die Gesellschaft Jesu eingetreten und war 1922 bei Geyser und Husserl in Freiburg in Philosophie promoviert worden. Er wurde später Rektor der Kollegien in Valkenburg und Frankfurt a. M.- St. Georgen, von 1932 bis 1938 Provinzial der Niederdeutschen Provinz, 1948-1961 Spiritual am Germanikum in Rom. zurueck
9 Le point de départ de la métaphysique. Leçons sur le développement historique et théorique du problème de la connaissance: Heft I: 1922, Heft II: 1923, Heft III: 1923, Heft IV: 1947, Heft V: 1926. Vgl. J.B. Lotz: Zur Thomas-Rezeption in der Maréchal-Schule, in: Theologie und Philosophie 49 (1974) 375-394; auch in: Thomas von Aquin, hrsg. v. Klaus Bernath, Bd. 2, Darmstadt 1981, 433- 456; ders.: Joseph Maréchal, in: Emerich Coreth (Hrsg.), Christliche Philosophie im katholischen Denken des 19. und 20. Jahrhunderts. Graz 1989: Bd. 2, S. 453-469. zurueck
10 Vgl. dazu K. H. Neufeld, Die Brüder Rahner. Eine Biographie, Freiburg 1994,111. zurueck
11 Geb. 1888 Bonn, 1924 auf den Geyserschen Lehrstuhl in Freiburg berufen, Generalsekretär der Görresgesellschaft 1925-1929, Mitarbeit an der Cusanus- Ausgabe der Heidelberger Akademie. Gest. 20.10.1941 in Freiburg. zurueck
12 Erschienen unter dem Titel: Sein und Wert. Eine metaphysische Auslegung des Axioms ‚Ens et bonum convertuntur’ im Raume der scholastischen Transzendentalienlehre. 1. Hälfte: Das Seiende und das Sein, Paderborn 1938. Überarbeitet in zweiter Auflage als „Das Urteil und das Sein. Eine Grundlegung der Metaphysik. (Pullacher Philosophische Forschungen, 2) Pullach 1957, 240 S. – Weitere wichtige philosophische Veröffentlichungen: Martin Heidegger und Thomas von Aquin. Mensch - Zeit - Sein. Pfullingen 1975; Transzendentale Erfahrung. Freiburg i.Br. 1978; Person und Freiheit. Freiburg i.Br. 1979; Die Drei-Einheit der Liebe. Eros-Philia-Agape. Frankfurt 1979; Ästhetik aus der ontologischen Differenz. München 1984. zurueck
13 Jetzt in den Bänden 39 bis 42 der Heidegger-Gesamtausgabe im Verlag Klostermann, Frankfurt a. M. zurueck
14 Hegel, Phänomenologie des Geistes (Seminar, Oberstufe, 2stdg.) WS 1934/35; dazu kamen: Leibnizens Weltbegriff und der Deutsche Idealismus (Seminar, Mittelstufe, 2stdg.) WS 1935/36; Kant, Kritik der Urteilskraft (Seminar, Oberstufe, 2stdg.), SS 1936. Diese Seminare sind noch unveröffentlicht. zurueck
15 Vgl. J. B. Lotz: Im Gespräch, in: Erinnerung an Martin Heidegger, hrsg. v. Günther Neske, Pfullingen 1977, 154-161; ders.: Was von Martin Heideggers Denken ins künftige Philosophieren einzubringen ist, in: Martin Heidegger. Fragen an sein Werk, Stuttgart 1977, 28-32. zurueck
16 Vgl. J.B. Lotz: Meditation als Erfahrung. Zum Werk Karlfried Graf Dürckheims, in: Stimmen der Zeit 207 (1989) 787-788. zurueck
17 Ursula von Mangoldt. Nachruf von Johannes B. Lotz, in: Meditation 13 (1987) Heft 4, 118-119. zurueck
18 Vgl. J.B.Lotz Frankfurt 1955; 4., erweiterte Auflage 1960. Das Buch wurde in fünf Sprachen übersetzt. zurueck